Künstler zu sein, heißt möglicherweise die Gabe zu besitzen, andere Menschen faszinieren zu können. Mann oder Frau schaffte es mit Worten, Tönen oder manchmal auch nur durch einen einzigen Blick sein Gegenüber zu fesseln, vielleicht sogar dessen Innerstes emotional zu berühren.
Während und auch nach dem diesjährigen 17. Wave Gotik Treffen stellte ich mir jedoch häufiger die Frage, welchen Preis eigentlich der Zuschauende für eine solche Berührung zahlt beziehungsweise zahlen sollte. Verstehen sie mich jetzt nicht falsch! Ich möchte hier keinesfalls dazu anregen, dass die Veranstalter des Treffens die Ticketpreise erhöhen, um noch mehr Künstlereigenheiten, wie sie auch in diesem Jahr wieder bei der ein oder anderen Band sichtbar waren, zu erfüllen. Des Weiteren habe ich nicht vor die Zuschauenden dazu anzuhalten einer Band noch mehr von allem geben zu müssen. So darf auch ein verpflichtender, mehrminütiger „Hurra-Ich-Will-Ein-Kind-Von-Dir-Applaus“ nicht der zu zahlende Preis des Publikums sein. Im Gegenteil, vielmehr gilt es sich das Recht zu bewahren Künstler und ihr Auftreten kritisieren zu dürfen. Manchmal muss man sie in ihre Schranken zurückweisen, da sie sonst gänzlich den Boden unter ihren Füssen verlieren. Doch welchen Preis gilt es nun als Besucher gegenüber den auftretenden Künstlern sowie dem gesamten WGT zu zahlen? Ein kleines Foren-Experiment gefällig?
Thema: Pfingstbote WGT 2008
User: der pfingstbote wird ja von jahr zu jahr aufwendiger….ich frage mich jedoch: MUSS das wirklich sein???? ich hab hier noch so ein pfingstboten von 2001 rumfliegen, das war noch toll…ohne viel schnick-schnack. einfach nur schön schwarz/weiss un nich so unnötig dick. nich das ich das wgt teuer finden würd, aber anstatt so ein aufwendiges buch zu konzipieren und so aufwendige karten drucken zu lassen, könnt man auch den eintrittspreis reduzieren
Thema: ZeitenWände
User: Hi Zeitenwände, na ja also viel getan hat sich ja nicht!
Hab mir mal eure Fotos von der Kostümprobe angeschaut und muss wirklich sagen: „Sehr Spektakulär“! Dann euer „Onlineshop“ DENKT IHR WIRKLICH DAS DIE EINFALLSLOSEN KLAMOTTEN EINER KAUFT? Ich jedenfalls nicht.
Thema: EMO
User: Ein unglaubliches Volk. 365 Tage im Jahr Karneval mit schlimmen Frisuren und dazu noch diese penetrante Aufdringlichkeit des Emo sein.
Anhand dieser Beiträge wird leider deutlich, dass wohl ein Teil der diesjährigen Treffenbesucher nicht mehr bereit ist ihren Mindestpreis für jenes Festival zu zahlen: Toleranz gegenüber dem Anderssein und der Arbeit Anderer. Vielmehr wird vor, während und auch gern noch nach dem WGT gespottet, gemeckert und oder neidisch auf sein Gegenüber geblickt. Scheinbar hat so manch Einer mit den Jahren (sowie so manch WGT-Frischling von Beginn an) verlernt zu erkennen, was das Wave Gotik Treffen zu einem weltweit einzigartigen Ereignis hat heranreifen lassen. War es nicht gerade jenes Gemeinschaftsgefühl, jene Toleranz unter den Besuchern – die auch alljährlich in jeder szenen- oder szenenfremden Berichterstattung erwähnt wurde – die das WGT auch schlimme Stunden, wie beispielsweise das Chaos-Treffen vor acht Jahren, hat überstehen lassen.
Meiner Meinung nach sind es jene Besucher, die die Szene durch ihre eventuell auch sechshundertfünfundsechzig Tage im Jahr anhaltende Intoleranz um ein in der Musikwelt einmaliges Festival berauben. Möglicherweise spielen ja bestimmte Bands schon nicht mehr auf dem WGT oder sehen allgemein von Festivalauftritten ab, weil sie sich nur ungern während des Konzertes von musikalisch anders orientierten „Fans“ beschimpfen oder mit Bierbechern bewerfen lassen. Auch während unseres Theaterstückes gab es leider wieder einige Wenige die meinten sie müssten anstatt ihres Fragebogens (wie es gewollt gewesen wäre) ihren Kugelschreiber auf die Bühne werfen.
ZeitenWände – ein Projekt das eigens von Oswald Henke und mir für die Gothic Szene sowie dem diesjährigen WGT produziert und bei dem der Versuch unternommen wurde, dem Publikum zwei unterhaltsame aber auch nachdenklich Stunden zu bereiten – erscheint mir nach den vier Aufführungen im Leipziger Schauspielhaus nicht nur ein emotionaler Spalierlauf sowie eine finanzielle Gratwanderung gewesen zu sein. Vielmehr war es auch ein stetiges Ankämpfen gegen gelebte Intoleranz einiger schwarzer „Musik- und Kunstliebhaber.“ Schon während unseres Projektes war ich es leid, mich für angeblich einfallslose Klamotten oder für zu wenig online gestellte Probenfotos gegenüber profilgeschützten Dauernörglern rechtfertigen zu müssen. Jenen „Kritikern“ wünsche ich zukünftig viel Spaß beim Gestalten eigener Projekte. Es liegt jetzt an ihnen es besser zu machen, denn zumindest ZeitenWände wird nicht noch einmal auf einer Theaterbühne gespielt werden.
Das man es einem Teil der Besucher wohl aber auch zukünftig wird nie recht machen können, zeigt sich für mich darin, dass sich die Veranstalter des Wave Gotik Treffens in diesem Jahr sogar für einen zu schön gestalteten Pfingstboten kritisieren lassen müssen. Möglicherweis ist auch in der Gothic Szene endgültig die Zeit der toten Denker angebrochen:
Was heißt schon zu wissen,
wenn der Geist doch nur manipuliert worden ist.
Selbstdenken ist nur Wenigen vergönnt.
Das Denken vieler
gleicht eher einer krüppelhaften Natur.
Grenzenloses Vakuum!
Jeder spricht,
doch ist das Wort dem Denken gleich?
Gleicht das Wort dem Wissen?
Weiß ich was du denkst?
Weißt du, was ich weiß?
Das Heute – nur eine Zeit der toten Denker.
Mein Schlusswort zum 17. Wave Gotik Treffen:
1.) Das Gefühl auf einer Bühne, wie der des Leipziger Schauspielhauses stehen zu dürfen sowie die Gewissheit, dass einem sehr wohl auch interessierte, tolerante Menschen zu hören, ist unbezahlbar.
2.) Als Publikum sollte man endlich wieder einmal versuchen anzuerkennen, dass Künstler den Mut besitzen etwas zu tun, was heutzutage leider nicht mehr alltäglich ist. Sie zeigen sich und geben ihrem Innersten eine Stimme. Dafür gebührt jedem auf der Bühnenstehenden Respekt und ein jeder Zuschauende sollte bereit sein, diesen zu zollen.
3.) Man sollte sehr wohl allein darüber entscheiden dürfen, ob man Gesehenes oder Gehörtes gut findet oder nicht. Zwangskulturismus gab es leider schon viel zu oft in der deutschen Geschichte. Kritik zu üben ist erlaubt! Bevor man sich äußert, sollte man sich jedoch sehr genau überlegen, was man wie und warum kritisiert.
Markus Förster
Dieser Beitrag erschien im Pfingstgeflüster 2008.
geschrieben von Markus Förster